Juni-Salon 2015

 

 „ich bin von kopf bis fuss auf liebe eingestellt“

 juden in der populärmusik der 1920er jahre

  

Gesprächskonzert mit

 CHRISTOPH STÖLZL und CHRISTINE EICHEL

 

Prof. Dr. Christoph Stölzl, Präsident der Musikhochschule Franz Liszt Weimar und früherer Berliner Kultursenator, und Dr. Christine Eichel, Schriftstellerin und Journalistin, teilen ihr Faible für Musik und Literatur, für die historisch-kritische Reflexion und für das Ironische, das Perfide, das Herzzerreißende und Übermütige der sogenannten Populärmusik.

Seit knapp zehn Jahren treten sie zusammen auf, sobald ihnen neben ihren anderen Aktivitäten Zeit dafür bleibt. Über die Jahre haben sie einen eigenen Stil entwickelt, konzeptuell und musikalisch. Ihre Abende stehen immer unter einem Motto oder fokussieren sich auf ein bestimmtes Thema. Daraufhin stellen sie die Musik zusammen und präsentieren sie im Gespräch, meist ergänzt durch kurze literarische Lesungen. Es ist die Idee des Salons, die sie fasziniert, eine lockere, amüsante, oft überraschende Form, Themen zu spiegeln.  

Seit 1900 hatte sich im „Melting Pot“ des Einwandererlandes USA eine Musik entwickelt, in die Erinnerungen der Immigranten eine bisher „unerhörte“ Verbindung eingingen. Englische Volkslieder und französische Operetten, deutsche Marschmusik und südamerikanischer Tango,  schwermütiger Blues und ekstatische Rhythmik der schwarzen Ex-Sklaven – aus all dem wurde in einem faszinierenden Prozess der Amalgamierung eine amerikanische populäre Musik, die erst den nordamerikanischen Kontinent und fast gleichzeitig Europa  eroberte. Dass aus den kulturellen Fragmenten so vieler Völker eine musikalische Weltsprache wurde, daran hat das „Genie der Vermittlung“ jüdischer Texter, Komponisten, Impresarios und Verleger einen gewaltigen Anteil.

Mitte der 20er Jahre war die neue musikalische Weltsprache auch in Deutschland angekommen. Und Berlin, die „Menschenwerkstatt“ (Heinrich Mann), wurde ihr Labor. Wieder waren es vor allem jüdische Talente, welche mit den neuen Formen experimentierten. Die Komponisten Friedrich Hollaender, Mischa Spoliansky oder Kurt Weill schufen in atemberaubender Geschwindigkeit einen Hit nach dem anderen – jüdischer und Berliner Witz, Jazz-Tempo und ironisierte Sentimentalität, verschmolzen zum authentischen Klang Berlins.

Die Blüte der deutsch-jüdisch-amerikanischen Symbiose dauerte kaum ein Jahrzehnt. 1933 kam ihr abruptes Ende. Geblieben ist die zeitlose Faszination.